Germaphi Casao „Gedanken zur aktuellen Situation“

Mittwoch 25.03.20
Es ist nach wie vor seltsam den Tag ohne Druck zu verbringen.
Alle 2 Tage trainiere ich, 30 – 50 Minuten Rudern und dann ein Langhantel-Workouts. Irgendwie cool weil ich in den letzten Jahren nicht mehr dazu gekommen bin regelmäßig zu trainieren. 

Ich fühle mich aber auch schuldig dass ich nicht für meine Kunden da sein kann. Ich denke an bestimmte Kunden, die schon seit Jahren regelmäßig kommen. Ich habe angeboten eine Langhantel und Stepper bei mir auszuleihen um wenigstens zu Hause das Training fortsetzen zu können. 

Heute wurde in den Nachrichten mitgeteilt, wie und in welcher Höhe wir Unternehmer eine Förderung erhalten. Hoffentlich hält die Regierung ihre Versprechen ein. 

Heute sind wir ins Studio gefahren. Ich habe alten Papierkram sortiert. Armin hat endlich angefangen an seinem Aquarium zu basteln. Irgendwie „genieße“ ich langsam diese freie Zeit. 
Seit 3 Jahren erzählt Armin dass er als Aquarianer endlich wieder ein Aquarium aufbauen möchte. Doch dieser Wunsch ist bei unserem Alltag immer unter gegangen. Ich hatte schon oft ein schlechtes Gewissen dass er seinem Hobby wegen des Studios immer zurück gestellt hat. Im Studio haben wir Platz und brauchen nichts mehr weg räumen. Es war so entspannend.

Wenn diese Gesamtsituation  nicht so traurig wäre, wäre so eine Auszeit eigentlich super. 

Die letzten Jahre waren körperlich und beruflich so anstrengend für mich. Seit meiner Kindheit leide ich an einer Niereninsuffizienz. 
Wenn es mir nicht so gut geht, dann bin ich körperlich kaputt und müde. Ich spreche selten über diese Krankheit, ich finde es zu unwichtig das bei meinen Mitmenschen zu thematisieren. Die Folge ist, das es mir manche Kunden übel nehmen dass ich manchmal tagelang nicht im Studio bin. Und ich kann sie auch verstehen, denn es wirkt so, als ob ich mich nicht für meine Kunden oder Mitarbeiter interessiere. 

Doch auch wenn ich mich zu Hause versuche auszuruhen drängt mein Gehirn zum arbeiten. Irgendwie habe ich ein Motor in mir, der nicht lange still stehen kann. Manchmal sitze ich stundenlang am PC und stelle Werbekampagnen ein oder optimiere den Kalender. 

Und jetzt? Jetzt gibt es auf einmal keinen Druck mehr. Wir gehen und kommen, machen das was uns gerade in dem Sinn kommt. Ich habe das Gefühl, dass sich mein Gehirn voll entspannt.
Niemand erwartet mehr was von mir. 

Dienstag 24.03.20
Es ist jetzt eine Woche her dass wir das Studio schließen mussten. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Heute habe ich das Gefühl es sei Sonntag. Ich habe endlich mal fast durchgeschlafen. Die Nächte davor waren mit nur 2-3 Stunden Schlaf anstrengend. Der Körper wollte schlafen aber meine Gedanken ließen mich nicht. Ich denke an meine Jungs, besonders an Lucas. Er ist mit seinen 20 Jahren noch so jung, hat aber schon seine eigene Familie. Ich vermisse ihn und meine kleine Enkelin Felia, sie ist gerade mal 1 Jahr alt. Ich würde so gerne Zeit mit ihnen verbringen. Die kleine Felia in meinen Armen halten und sie küssen. Ich bin froh das es Face Time und Whats App gibt. Ich bekomme Fotos von dem Haus was Lucas gerade renoviert. 

Ich habe ihn für verrückt gehalten als er mir Anfang das Jahres erzählte er zieht aufs Land. Jetzt bin ich froh darüber, denn er ist mit der Renovierung beschäftigt und die Kleine kann draußen spielen.

Ein komisches Gefühl sein Kind in so einer Situation nicht bei sich zu haben.

Sonntag 22.03.20
Die Regierung hat heute ein Kontaktverbot beschlossen. Für mich ändert sich nicht viel. Seit dem mein Mann Armin seit 2017 voll in das Unternehmen eingestiegen ist sind wir eh 24Std. zusammen. 

Wir sind beides Langschläfer, arbeiten aber dafür auch sehr gerne bis spät in die Nacht. Manchmal haben wir Mitten in der Nacht eine Idee für das Unternehmen, dann unterhalten wir uns noch lange darüber. Es kann dann auch schon mal 1:00 Uhr morgens werden. 

Doch jetzt ist die Situation anders. Wir reden über das hier und jetzt. Spekulieren wie lange das ganze noch geht. Armin ist ein Analytiker . Täglich gibt er die Anzahl der Infizierten ein und macht eine Hochrechnung. Die Logik ist für ihn: Warum sollten wir Mitte des Jahres das Unternehmen öffnen dürfen wenn die Anzahl der Infizierten sich vervielfacht hat?

Wir haben aufgehört unserer Kreativität freien Lauf zu lassen. Haben aufgehört uns über Kurspläne und Aktionen zu unterhalten.

Zwischendurch kommt unser Unternehmerdrang durch. Dann fangen wir an zu überlegen welches Business wir jetzt machen könnten?
Doch die Nachrichten holen uns immer wieder zurück in die Realität. Wir schauen mehrere Stunden am Tag die Nachrichten, auch wenn sich die Infos wiederholen ist es immer noch „unglaublich“. 

Dann hören wir auf zu sprechen. Jeder versucht die aktuellen Neuigkeiten zu verarbeiten. 

Samstag 21.03.20
Ich habe mit meiner Schwester telefoniert. Sie wohnt in Nürnberg. Das letzte mal haben wir uns auf unseren Faschings-Brunch am 16.02. gesehen. Da habe ich noch voller Stolz erzählt das sie mit ihren Tankstellen auch selbstständig ist. Und sie war so happy dass nun endlich ihr ganzer Fleiß endlich Früchte trägt. Doch jetzt, nur 4 Wochen später steht die Welt irgendwie still.

Sie darf laut Regierungsanweisung zwar ihre Tankstelle weiter betreiben, aber die Umsätze sind jetzt schon drastisch zurück gegangen. Mitarbeiter haben sich krank gemeldet oder mitgeteilt dass sie nicht mehr zur Arbeit kommen. Täglich müssen für drei Tankstellen die Arbeitspläne neu umgeschrieben. 

Wir haben über unsere Ängste gesprochen. Doch am Schlimmsten, wir können unsere Mutter nicht sehen und nicht trösten. Im Hinterkopf ist die Angst dass wir uns vielleicht nie wieder sehen werden. 

Viele Gedanken die mir in den Kopf schießen: Was ist wenn meine 76 Jährige Mutter sich ansteckt? Dann wird sie alleine im Krankenhaus liegen. Was ist wenn ich mich anstecke? Ich stelle mir vor im Krankenhaus zu liegen. Die Ärzte und Krankenschwester um mich, die ich eigentlich nicht belasten möchte. Und dann dieses alleine sein…die Möglichkeit vielleicht alleine sterben zu müssen. 

Donnerstag 18.03.20
Mittlerweile haben uns viele Kunden kontaktiert und uns ermutigt durch zu halten. Wir sind sehr dankbar für die Loyalität die uns entgegengebracht wird. 

Ich bin in einem Schockzustand. Ich versuche in die Zukunft zu schauen, aber meine Gedanken reichen nur bis Juni/ Juli. Alles was danach ist kann ich mir derzeit nicht vorstellen. Ich schaue in die Vergangenheit und sehe 9 Jahre voller Arbeit, Fleiß und Leidenschaft wie ich das Unternehmen aufgebaut habe. Ich habe jeden Cent umgedreht um erfolgreich Selbstständig zu sein. Manchmal gab es schlaflose Nächte weil ich nicht wusste ob ich schaffen werde. Zeiten wo das Finanzamt auf sein Geld gewartet hat und mir mit einer Vollstreckung gedroht hat. 

Aber ich habe nie aufgegeben, bin über den Boden gekrochen, habe nach einer Lösung gesund und bin wieder aufgestanden. 

Und nun? Von einem Tag auf den anderen musste ich, wie viele tausende meiner Kollegen, ihr Unternehmen schließen. Es fühlt sich alles so seltsam an. Auf der einen Seite ist der ganze Druck weg den man als Selbstständiger hat. Denn „ich kann ja nichts dafür“ dass es derzeit nicht weiter geht. Es gibt auf einmal nichts mehr zu entscheiden. Ich muss nicht mehr entscheiden welcher Kurs rein- oder raus genommen wird. Ich muss mir über keine Werbekampagne mehr Gedanken machen oder wie ich das Problem eines Kunden lösen kann. Ich muss auch nicht mehr entscheiden welche große Rechnung ich im nächsten Monat zuerst überweisen werden, denn zum jetzigen Zeitpunkt werden wir eh nicht zahlungsfähig sein. 

Doch ich kenne mich, ich weiß dass ich mit dieser Entscheidungsunfähigkeit nicht glücklich sein werde. Ich weiß nicht, wie lange ich diesen Zustand aushalten werde. 

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